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Die fünfziger Jahre

Von Donald Schieffers

Quelle: 75 Jahre Alemannia Aachen


Oberliga West und Pokalendspiel

Die Einführung des Vertragsspielerstatus brachte den Verein in eine schlechte finanzielle Situation. Als 1950 die Abgaben nicht gezahlt werden konnten, da schritt die Stadtverwaltung massiv ein: Die Einnahme aus dem Spiel gegen Horst-Emscher wurde an der Kasse gepfändet. Der Vorstand erkannte damals: "Es wird für uns immer schwerer, das Amt ehrenamtlich auszuüben."

Sportlich fiel es schwer, den Maßstäben gerecht zu werden. Trainerwechsel - Willi Kölling übernahm die Mannschaft von dem Trainer Fritz Pölsterl - und Wechsel in der Mannschaftsbetreuung - für Obmann Hirtz kam Hans Wotruba (der bereits wenige Wochen später von Reinhold Münzenberg abgelöst wurde) - erschwerten den Start in der Oberliga. So mußte man unter anderem beim 1. FC Köln eine unnötige 0:3 Niederlage hinnehmen. Nachher wurde geschimpft - zuerst über den Schiedsrichter (er gab ein einwandfreies Tor nicht), dann über die eigene Leistung (Jupp Derwall konnte einen Elfmeter nicht verwandeln). Trotzdem hatte die Alemannia einen anerkannt starken linken Flügel. Bert Schütt als Innenstürmer und Jupp Derwall als Linksaußen verdienten sich Bestnoten in dieser schweren Anfangsperiode. Wenigstens auf eigenem Platz hielt man den Kasten sauber. Die Heimstärke auf dem Tivoli war in aller Munde. Sogar starke Teams wie der damalige Tabellendritte Preußen Dellbrück gingen mit 2:0 geschlagen in die Kabine. Was zu Hause gut klappte, ging eine Woche später auswärts in die Binsen. Ein Trainerwechsel sollte die Schwäche der Alemannia, die sich in akuter Abstiegsgefahr befand, beheben. Emil Melcher aus Pforzheim übernahm die Trainingsleitung. Melcher, den Aachenern kein Unbekannter (er war in den 30iger Jahren Mitglied der Alemannia) packte mit "fester, zielbewußter" Hand zu. Die Elfmetermisere (allein 8 konnten nicht verwandelt werden) mußte beendet werden. Es ging wieder aufwärts.

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" In letzter Minute" - so Dr. Moll im Juni 1950 - hat die Mannschaft den Verbleib in der Oberliga geschafft. 17000 Zuschauer sahen einen 3:2 Sieg über den 1.FC Köln. Ein Foulelfmeter brachte die Entscheidung. Abwehrspieler Mauss trat an, täuschte den Kölner Keeper und beendete damit alle Alemannen-Sorgen 20 Minuten vor Spielende. Die Kölner haderten mit dem Pech - oder wurden Opfer ihrer eigenen Härte. Allein drei Mal zeigte der Schiedsrichter in diesem spannungsgeladenen Treffen auf den Elfmeterpunkt. Zwei Mal konnte Aachen verwandeln. Der Fußballsport: "Aachen ergriff souverän das Zepter und diktierte den Verlauf." Versüßt wurde der Klassenerhalt durch die Tatsache, Daß 1950 das 50. Jubiläumsjahr der Alemannia gefeiert werden sollte. Zwei international sehr wertvolle Gegner wurden eingeladen: Die Mannschaften von Hertha BSC - Dresdner Sportclub, die ihr erstes Spiel nach Vereinigung bestritten, und der deutsche Meister des Jahres 1949, VfR Mannheim. Vorsitzender Dr. Moll, der die Schwierigkeiten dieser ersten Saison meisterte, wurde auf der Jahreshauptversamlung für ein weiteres Jahr gewählt. Mit einem offiziellen Festakt wurde das Jubiläum in der Aula der Technischen Hochschulen begangen. Der Mitgliedsbestand: 1196. Die Sportwoche, die die Leistungsbreite der Alemannia allen vor Augen führen sollte wurde zu einem vollen Erfolg. Die Berliner Mannschaft konnte trotz aller Bemühungen nur ein Unentschieden auf dem Tivoli (3:3 - Tore von Kircher, Derwall, Pfeiffer) erzielen, der Deutsche Meister VfR Mannheim wurde sogar 5:4 geschlagen. Von den Jubiläumsfeierlichkeiten noch nicht ganz erholt, kam schon zu Beginn der nächsten Saison die Ernüchterung. Mit dem 0:2 gegen den 1.FC Köln gingen nicht nur die Punkte sondern auch der Heimnymbus vorerst "flöten". Im nächsten Spiel konnte man in Schalke nicht mithalten. Beachtlich: Trotz eines 0:4 erhielt die Mannschaft gute Kritiken. Die Folge des schlechten Starts: 80 Mitglieder meldeten sich demonstrativ ab. Besonders Pfeiffer mußte sich Kritik gefallen lassen: "Er schaffte zwar eifrig, spielte aber dem Gegner oft in die Füße." Die Mannschaft fing sich wieder, und gleichzeitig stieg die Mitgliederzahl wieder an. Ein ständiges Auf und Ab in der Begeisterung fand so seinen Ausdruck. Selbst ein Unentschieden gegen Fort. Düsseldorf (im Tor der Fortunen stand Nationalkeeper Toni Turek) wurde gefeiert.

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"In dieser Saison ist die Alemannia nicht wiederzuerkennen. Kein Abstiegskandidat, keine Abwehrmannschaft mehr, sondern ein Gebilde, das Fußballspielen kann." Das Echo auf die Erfolge gegen Düsseldorf und Preußen Dellbrück (3:3) war positiv. Die Heimstärke wurde zurückgewonnen. Bis Januar 1951 verlor man kein Heimspiel mehr, dann kam Schalke und brachte den Aachenern mit 2:4 die erste Niederlage nach sech Monaten bei. Unbeständigkeit wurde wieder Trumpf. 50 Tore wurde geschossen, 49 Tore bekam man rein. Die Finanzkraft des Vereins wurde neuerlich belastet. Neben den Steuern wurde jetzt noch zusätzlich der Sportgroschen erhoben. Fünf Pfennige je Eintrittskarte mußten abgeführt werden. Unter der Leitung von Fußball-Obmann Schorsch Bender ging es wieder in den Kampf um den Abstieg, und auch nach dieser Saison 1950/51, die so erfreulich begonnen hatte, konnte der Vorsitzende Dr. Karl Moll nur stöhnen: "In letzter Minute ..." Die Leitung des Trainings übertrug man in der Qualifikationsrunde Herren Lindemann. Es wurde geschafft. Als Tabellenerster in der Runde der Vereine Alemannia, SW Essen, Wuppertal und Oberhausen blieb man in der Oberliga.

Die nächste Saison begann gut. Am 16.9.1951 war es erstmals in der langen Geschichte des Vereins geglückt: Alemannia war Tabellenführer der Oberliga West. Vom Start weg konnten die Aachener eindrucksvolle Siege erzielen. So wurde Düsseldorf mit 3:0, Horst-Emscher mit 2:1, SV Katernberg mit 4:2, Preußen Dellbrück mit 4:1 und Mönchengladbach auf neutralem Platz in Köln mit 6:1 geschlagen. Auch nach diesen Anfangserfolgen, die auswärts einen deutlichen Aufwärtstrend erkennen ließen, blieb die Mannschaft beständig. Der 1.FC Köln, dessen Gastspiele auf dem Tivoli immer besonders reizvoll waren, wurde mit 4:1 geschlagen nach Hause geschickt. Die große Zeit der Spieler Schütt und Derwall begann. Jetzt im Mittelfeld eingesetzt sorgten sie für den Druck, der zu der Flut von Toren führten von Toren führte. Wieder war es Schalke 04, das der eindrucksvollen Siegesserie am 1.11.1951 ein Ende bereitete. Zur Halbzeit der Serie reichte es trotzdem zum 2. Platz hinter RW Essen, obwohl der Spitzenreiter ebenfalls in Aachen beide Punkte einbüßte. Am Schluß der Saison stand man auf dem 3. Platz der Oberliga. Das erfolgreichste Spieljahr bis dahin lag hinter der Alemannia. Getragen vom Erfolg der ersten Fußballmannschaft vergrößerten sich auch die anderen Sportabteilungen des Vereins. Der Mitgliederbestand erreichte seine bis dahin höchste Zahl: 1352.

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Die Verpflichtung von Hermann Lindemann als Trainer hatte sich als kluger Schachzug von Präsident Moll erwiesen. Lindemann schaffte es, innerhalb von wenigen Wochen aus den zusammengewürfelten Teilen der Mannschaft ein schlagkräftiges Team zu formen. So ist es nicht zuletzt ihm zu verdanken, daß Alemannia kurze Zeit nach dem dritten Platz in der Meisterschaft wieder in aller Munde war. Ganz Fußball-Deutschland blickte am 1.5.1953 nach Düsseldorf, wo sich Alemannia Aachen und Rot-Weiß Essen im deutschen Pokalendspiel gegenüber standen. Die Kampfkraft und das spielerische Potential der Alemannia war zu dieser Zeit in Deutschland unerreicht. Der Gegner im Endspiel, Rot-Weiß Essen wurde, wenige Tage vor der Pokalschlacht mit 4:0 in einem Meisterschaftsspiel deklassiert. Die Aussichten, deutscher Pokalsieger zu werden, und damit am internationalen Fußball-Geschäft nicht nur auf freundschaftlicher Basis teilzunehmen, waren so günstig denn je.

Auf dem Weg zu diesem Endspiel benötigte man zwar zweimal eine Verlängerung in den Spielen gegenüber Düren 99 und den 1. FC Nürnberg, doch die Kraft der Mannschaft hatte durch diese enormen Energieleistungen. So bekannte Vereine wie Hamborn 07, Nürnberg, Düren Essen West und Wormatia Worms wurden im KO-System überwunden.

Am 30.9.1953 war es soweit: Auf dem Tivoli wurde Richtfest gefeiert. Nach Abschluß der Bauarbeiten, die im Juli begonnen hatten, wurde nach knapp drei Monaten Bauzeit die neue Stehplatztribühne im Süden des Stadions ihrer Bestimmung übergeben. Es wurde ein Tunnel eingebaut, der den unterirdischen Eintritt auf das Fußballfest ermögliche. Eine echte Kampfbahn stand der Alemannia jetzt zur Verfügung.

Fahrzeuge konnten ohne Behinderung der Zuschauer auf den Platz fahren. Eine der modernsten Anlagen in Deutschland wurde in Betrieb genommen. 20000 Zuschauer konnten jetzt die Spiele beobachten - zum ersten Mal waren gegen Schalke 04 die Ränge voll. Es gab Sonnenschein, aber eine 2:3 Heimniederlage. Gärtner, Derwall und Kraus verließen den Verein. Die Mannschaft wurde auseinandergerissen. Die Erfolge des letzten Jahres konnten nicht wiederholt werden. Alemannia endete unter "ferner liefen".

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Hatte die eigene Mannschaft zwar nicht wie erwartet gut abgeschnitten, so war doch der Fußball, der die Herzen auch in Aachen 1954 hoch schlagen ließ. Ein Telegramm verdeutlicht die Situation von lauschenden, an den Radiogeräten hängenden Alemannia-Fans, als Deutschland zum ersten mal Fußball-Weltmeister wurde. Auch Alemannia handelte sofort. In einem Glückwunschtelegramm, geschrieben von Präsident Dr. Moll im Namen des Vereins, heißt es unter anderem: "Der siegreichen Mannschaft und den Verantwortlichen unsere herzlichsten Glückwünsche." Damals wurde nicht zu jeder Gelegenheit telegraphiert - ein Telegramm, das war etwas besonderes und schien der Sensation "Weltmeister" angemessen. Dr. Moll: "Die Hauptverantwortlichen für den Endspielsieg hatte ohne Zweifel Sepp Herberger." Die Mannschaft des Weltmeisters 1954: Turek, Posipal, Kohlmeyer, Eckel, Liebrich, Mai, Rahn, Morlock, O. Walter, Schäfer. Neben dem Telegramm tat der Verein ein weiteres, der Freunde Ausdruck zu verleihen: Sepp Herberger wurde die goldene Alemannen-Ehrennadel verliehen. Eine Auszeichnung, über die sich der "Sepp" besonders freute. Herberger damals: "Bei einem so traditionsreichen Verein kann man darauf richtig stolz sein".

Bild 1: Großkampftag auf dem Tivoli: Schalke ist da ! Hier rettet Torwart für die Knappen vor Matzkowski (rechts). Das Spiel am 23.8.1954 gewann Alemannia nach einem dramatischen Kampf mit 4:3. (Foto: Call)

Bild 2: Toni Turek ist geschlagen: Der weltberühmte Torhüter der Fortuna Düsseldorf und seine Mannschaft zählten zu den Zeiten der Oberliga West immer zu den meistbewunderten Gästen am Tivoli. Diese Spiel am 10. Oktober 1954 gewann die Fortunen.

Bild 3: Eine große Mannschaft hatte Hermann Lindemann 1952 beisammen. Vorn Powalla, Schellberg, Metzen, in der Mitte Schütt und Jansen, dahinter Lindemann, Pfeiffer, Gärtner, G. Schmidt, Derwall, Dziwocki, Coenen und Vorstandsmitglied Ferdi Wiebecke (jeweils von links). (Foto:Ole Alemannia Alano Verlag).

Bild 4: Zwei Aachener im Kreis der Nationalmannschaft: Michel Pfeiffer (vorn rechts) und Jupp Derwall (danben). Neben Sepp Herberger der blutjunge Uwe Seeler. Zu erkennen u.a. Harpers, Herkenrath, Erhadt, Posipal, Kohlmeyer.

Anmerkung von mir: Ausführlicher Bericht zu diesem Pokalspiel (1953) siehe  "Spiele der Alemannia". Mehr Informationen zu den fünfziger Jahren siehe auch Spielerportrait von Michel Pfeiffer (folgt noch).


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