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Die fünfziger Jahre

Von Donald Schieffers

Quelle: 75 Jahre Alemannia Aachen


Nationalspieler Pfeiffer

Endlich war es gelungen. Der zweite Nationalspieler der Alemannia wurde im Dezember 1954 von Sepp Herberger in den Kader berufen. Michel Pfeiffer machte sein erstes Spiel im Adler Trikot gleich vor einer großen Kulisse: 100000 Zuschauer wohnten im Londoner Wembley Stadion dem Spiel England - Deutschland bei. Zwar ging das Spiel 1:3 verloren, doch Pfeiffer, einer der beständigsten Spieler vergangener Monate, lieferte im Zusammenspiel mit seinem ehemaligen Vereinskameraden Jupp Derwall, eine gute Partie. Der Empfang nach Rückkehr von der England Reise war entsprechend herzlich. Schorsch Bender, Dr. Moll, Fußball-Kreisvorsitzender Jakob Simons und der Vorsitzende des DFB sprachen ihre Glückwünsche aus. Nach Reinhold Münzenberg hatte Aachen seinen zweiten Nationalspieler, wenn auch Derwall als "verlorener Sohn" noch mitgezählt werden durfte. Nicht so erfreulich war die Tatsache, daß Trainer Hermann Lindemann seinen Vertrag nach Ablauf der Spielzeit 1954/55 nicht mehr verlängern wollte. Die Mannschaft, die auf dem 13. Tabellenplatz auch in dieser Saison die Erwartungen nicht erfüllen konnte, wurde durch die entstehende Unruhe weiter geschwächt.

Da die finanzielle Situation der Alemannia immer prekärer wurde, gründete Präsident Moll einen Förderkreis, in dem Förderer des Vereins zu einem monatlichen Mindestbeitrag von 5 Mark zusammengefaßt wurden. Es galt, einen neuen Trainer zu finden und nicht zuletzt auch zu finanzieren. Dr. Moll handelte schnell. Schon zwei Monate nach der Absichtserklärung von Hermann Lindemann gab Dr. Moll den neuen Trainer bekannt: Georg Knöpfle, vorher Trainer beim HSV, Bayern München, Arminia Hannover und Eintracht Braunschweig. Die Saison verlief wieder nicht berauschend. Am Ende stand Alemannia auf dem 11. Platz der Oberliga. Eigentlicher Höhepunkt der Spielzeit war nicht die Meisterschaftsrunde, sondern ein Freundschaftsspiel (siehe unter Spiele der Alemannia - Freundschaftsspiele).

Die Spielzeit 1956/57 begann mit der alljährlichen Hauptversammlung, bei der die amtierenden Präsidenten den Mitgliedern des Vereins Farbe bekennen mußten. Die Hauptversammlung 1956 brachte eine Überraschung, die die Alemannen nicht gerne sahen: Präsident Dr. Karl Moll kandidierte nicht mehr für das Amt des ersten Vorsitzenden. Seit 1925 war Dr. Moll in der Vorstandsarbeit tätig, von 1949 bis 1956 Präsident des größten Aachener Sportvereins. Mit Wehmut nahmen die Mitglieder den Verzicht Dr. Molls zu Gunsten von Dr. Gerd Heusch als Präsident an. Der Gründer des Vereins, Oberstudiendirektor i. R. Emunds, meinte in seiner Dankesrede am 31.7.1956: " Ich hoffe, daß man sich in späteren Zeiten einmal daran erinnern wird, daß die Zeit der Präsidentschaft Dr. Molls eine der erfolgreichsten der Alemannia Geschichte war."

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Die Hauptversammlung wurde einem Triumph für den scheidenden Präsidenten. Unter großem Beifall der Mitglieder wurde der Vorstand einstimmig gebeten, Dr. Moll die Ehrenpräsidentschaft anzutragen, die dieser nicht ablehnte.

Ein Werk erlebte in den letzten Tagen von Molls Präsidentschaft seine Vollendung, an dem der Alemannia Vorsitzende maßgeblich mitgewirkt hatte: Das neue Alemannia-Sportheim konnte eingeweiht werden. Große Schwierigkeiten waren auch hierbei zu überwinden, denn zum Ausbau des Heimes standen nicht mehr als 30000 Mark zur Verfügung. Es wurde in Rekordzeit gebaut. Anfang April 1956 wurde der erste Spatenstich gemacht - knapp drei Monate später konnte von der interessierten Sportöffentlichkeit Einweihung gefeiert werden. Die am Bau beteiligten Firmen halfen bei der Finanzierung kräftig mit. nach dreimonatiger Bauzeit zog Dr. Moll Bilanz des Unternehmens "Jugendheim": "Wir konnten von den 30000 Mark noch 500 Mark sparen."

Sportlehrer Georg Knöpfle verlängerte seinen Vertrag um ein weiteres Jahr und blieb verantwortlich für die Vertragsspielermannschaft, die einen guten Start in die Spielzeit 1956/57 hatte. Unter anderem konnten wertvolle Auswärtssiege (so auch gegen den Erzrivalen Borussia Mönchengladbach 3:0) erzielt werden. Die Mannschaft war kaum verändert. Bert Schütt fehlte im Aufgebot. Verletzt stellte der zuverlässige Abwehrspieler Antrag auf Invalidität. Ein neues Gesicht tauchte auf und machte schnell von sich reden: Jupp Martinelli. Am 16. Oktober zog der neue Präsident Dr. Heusch erste Bilanz auf einer außerordentlichen Hauptversammlung: "Wir haben erstmalig die Mitgliederzahl von 1500 erreicht und überschritten!"

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Und noch eines sollte in der Rückschau auf das Jahr 1956 nicht vergessen werden die Alemannia-Mannschaft wurde von den Mitgliedern des Rates der Stadt Aachen zu den "Sportlern des Jahres" in Aachen gekürt, eine Auszeichnung, die alljährlich mit einem großem Empfang im Rathaus verbunden ist. Zum ersten mal konnte eine Mannschaft sich in der Gunst der Stadtväter einen Stammplatz erobern. Oberbürgermeister Heusch (nicht zu verwechseln mit dem Alemannia-Präsidenten Dr. Heusch) lobte die Mannschaft: "Die Leistung haben zum Ruhme unserer Vaterstadt Aachen beigetragen. Die Alemannia-Oberligaspieler gehören damit zu den verdienten Bürgern unserer Stadt."

Das Jahr 1957 brachte noch so manche Überraschung, nicht nur positive, wie die ersten Pläne des erneut "zu klein gewordenen" Tivoli ausbaues, sondern auch die Zukunft des Fußballes wurde innerhalb der Vereinsvorsitzenden erstmals diskutiert. Von dem Kölner Franz Kremer kamen die Gedanken zur Schaffung einer neu zu gründenden Bundesliga. Er wollte die Aufnahme in dies Liga von dem Gesamtumsatz der Vereine abhängig machen. "Wenn ein Verein mehr als 300000 Mark Umsatz hat, dann sollte er in die neue Klasse aufgenommen werden," so waren Kremers damals als ketzerisch empfundene Gedanken erstmalig in der Öffentlichkeit diskutiert worden. Die Pläne des Kölner FC-Vorsitzenden fanden ein reges Echo und wurden auch bei der Alemannia heiß diskutiert. Grundsätzlich waren Vorsitzender Dr. Heusch und seine Präsidiumsmitglieder mit der Einführung der Bundesliga einverstanden, doch mit den Zulassungsbestimmungen konnte man nicht einig gehen. Weshalb ? Franz Kremer baute auf den wirtschaftlichen Voraussetzungen seine damaligen ersten "Bundesligagedanken" auf. Heusch war anderer Meinung: "Auch die sportliche Seite muß berücksichtigt werden." Die in Frage kommenden Vereine konnten keine Einigung erzielen. Auf Verbandstagen wurde das Problem weiter diskutiert, aber nicht abschließend behandelt. Erst 1963 sollten Kremers Gedanken ausgereift die entscheidende Mehrheit erhalten.

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"Der Tivoli wird ausgebaut." Das war die Schlagzeile, die zu Beginn des Jahres 1957 die Zeitungsspalten füllten. Nach einer Sitzung des Vorstandes am 27. Januar im Hotel-Restaurant Burghof ging man an die Öffentlichkeit und enthüllte bereits fertige Pläne zum weiteren Ausbau des Tivolis auf dann 32500 Zuschauer. Die Räumlichkeiten hatten sich in letzter Vergangenheit als "zu klein" erwiesen. Dr. Heusch:"Der Kostenaufwand des Ausbaus war die vorgesehene Überdachung der Sitzplatztribühne und eine Erweiterung der Stehplatzränge. Am 28. August waren die Bauarbeiten beendet. Es wurde noch eine zusätzliche Verbesserung mit berücksichtigt. Die Spiele konnten jetzt unter Flutlicht absolviert werden. Das völlig neue Aachener "Fußballgefühl" begann. Am 28. August wurde das neue Stadion gleich mit einem prominenten Gegner eingeweiht. Espanol Barcelona, mehrfacher spanischer Pokalsieger und Meister, kam mit Trainer Ricardo  Zamora nach Aachen. 32000 Zuschauer sahen eine begeisternde Premiere, wenn auch einen deutlichen 4:2 Sieg der Spanier. Wohl nie zuvor hatte eine Gastmannschaft so überzeugend aufgespielt wie Barcelona. Die Begeisterung fand wie so oft in der Mitgliederzahl ihren Niederschlag. Am 15. September 1957 war die Schallgrenze durchbrochen. Der Verein wurde zu einem der wenigen Großvereine Deutschlands: 2006 Mitglieder hatten sich im Verlauf der Jahre eintragen lassen. In Aachen wurden die Fußballfeste unter Flutlicht mehr gefeiert denn je. Attraktive Gegner wurden zu Freundschaftsspielen eingeladen. Nach Barcelona hatte sich das Tivoli-Rund am 11. September zum zweiten Mal gefüllt. Der Gegner war international ebenso eine Delikatesse: Olympique Marseille. 3:1 lagen die Aachener zur Halbzeit zurück, dann sorgten Vigna, einer der besten Stürmer zusammen mit Martinelli, Pfeiffer und Kremer für den Ausgleich. Das Lattenkreuz verhinderte den Siegtreffer zugunsten der Alemannia. Die Fußballwoche wußte zu berichten: "Da standen sich zwei Mannschaften von Format gegenüber."

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Die Gegner in der Oberliga bekamen den Aufschwung, der nicht zuletzt seine Ursache im neuen Stadion hatte, zu spüren. Mit 4:0 wurde der VfL Bochum besiegt, mit 6:0 Hamborn 07 überrollt. Der Tivoli war gefürchtet. Einer der Alten vom 1. FC Köln, Hans Schäfer, erinnert sich: "Wenn wir nach Aachen mußten, dann freuten wir uns über jeden Punkt." Alemannia mußte in dieser Saison das Hinspiel in Köln austragen, kam mit 0:4 unter die Räder, doch man staunte: Trotz dieser Niederlage war die Alemannia Herbstmeister der Saison 1957/58. Neben der Herbstmeisterschaft konnte die Zuschauerresonanz gefeiert werden. 306000 Zuschauer in der Hinrunde auf dem Tivoli, damit hatten selbst die kühnsten Optimisten nicht gerechnet. Alemannia-Torwart Helmut Schiffer wurde zum besten Torwart der Oberliga West gekürt. Ununterbrochen standen die Aachener auf Platz 1 der Tabelle. Ein Durchmarsch war in der Hinrunde gelungen. Der Start in die zweite Runde gelang: Westfalia Herne wurde 3:1 besiegt. 220000 Volt hatten mit dazu beigetragen. Die Flutlichtspiele waren populär. Ein dritter Platz zum Saisonabschluß war der Lohn harter Arbeit. "Obwohl man doch nach dem hervorragenden Abschneiden in der Hinrunde mit mehr gerechnet hatte, sind wir zufrieden," meinte Präsident Dr. Heusch.

2400 Mitglieder erlebten zu Beginn der Saison 1958/59 einen Trainerwechsel. Georg Knöpfle gab sein Amt auf. Sein Nachfolger wurde Bela Sarosi, ein Ungar, der als Aktiver im Ausland Schlagzeilen machte. CF Barcelona, Saragossa, Porto und Basel waren die Stationen seiner Laufbahn, bevor ihn Dr. Heusch in die Domstadt holte. Sarosi versprach: "Wir werden ein ernstes Wort mitreden." Es kam anders. Weniger die Vertragsspieler, als die Basketball-Abteilung machte Schlagzeilen. Die Mannschaft wurde zum erstenmal Deutscher Vizemeister der Basketballer. Nur knapp wurde sie im Endspiel mit 42:56 vom USC Heidelberg geschlagen. Die Amateure machten von sich reden. Die Junioren-Fußball Elf wurde Mittelrheinmeister. Die folgende Saison brachte eine Fortsetzung der Unbeständigkeit. Vor allem der 3:1 Sieg von Borussia Mönchengladbach schien sich nachhaltig auszuwirken, denn auf dem Tivoli gab es gegen Hamborn eine 0:3 Niderlage. So schwach hatte man die Alemannia seit Jahren nicht mehr gesehen. In Mönchengladbach war es "Spitz" Kohn, der Alemannia den KO versetzte. Kohn besorgte unbewacht alle drei Treffer für die Gladbacher. Heute erst ist bekannt, welch ein Athlet in den Reihen der Gladbacher stand. Beim Karlsruher SC als Spieler und beim FC Amsterdam als Trainer machte sich Kohn einen Namen. Das Spiel gegen Gladbach war eine der viele Begegnungen, mit heute prominenten Fußballern, die im Laufe der Jahre "Alemannia Aachen" passierten und sich auch auswirkten.

Die Alemannia entwickelte sich weiter wurde größer. Mit 2503 Mitgliedern war er zum Jahreswechsel 1959/60 zum zweitgrößten westdeutschen Verein aufgestiegen. Die Erhöhung der Mitgliederzahl auf 3000 wurde von Dr. Heusch ins Auge gefaßt. 

Bild 1: Auf der Fahrt zum Spiel: Alemannia Fußballer unterwegs. Vorne links Christian Breuer, dahinter Jupp Martinelli. Rechts Ella Nacken. Während der Busfahrt blühte meisten der Flachs recht heftig ...

Bild 2: Willi Krämer aus Düren, Leistungsträger in den fünfziger Jahren, im Duell mit Weltmeister Hans Schäfer vom 1. FC Köln. Alemannia fuhr am 13. Oktober 1957 als ungeschlagener Tabellenführer nach Müngersdorf und verlor 4:0.

Bild 3: Ein denkwürdiger Tag in der Vereinsgeschichte war der 28. August 1957. Mit einem Spiel gegen Espanol Barcelona (2:4) wurde die Tivoli-Flutlichtanlage ihrer Bestimmung übergeben. Den Anstoß führte der vierjährige Pfeiffer-Sohn Michael aus.

Bild 4: Die Alemannia 1957 mit Roßbach, Reuter Schiffer; Metzen, Vigna (vordere Reihe von links), Martinelli, Richter, Willms, Jansen, Krämer und Pfeiffer (hintere Reihe).


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