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Die sechziger Jahre

Von Donald Schieffers

Quelle: 75 Jahre Alemannia Aachen


DFB Pokal und Aufstieg in die Bundesliga !

Im Mai 1964 standen die Aachener mit sieben Punkten Vorsprung und einem Torverhältnis von 105:37 als erster Meister der Regionalliga West fest. 320000 Zuschauer sahen die Spiele auf dem Tivoli - eine mehr als überzeugende Kulisse, mit einem durchschnittlichen Besuch von 17000 Zuschauern pro Spiel. Trainer Oswald Pfau bereitete sich mit seiner Mannschaft auf die Aufstiegsrunde vor, die den Einzug in die Bundesliga sichern sollte. Gegen drei Vereine galt es sich durchzusetzen: Hannover 96, Hessen Kassel, FK Pirmasens. Zwei neue Spieler verstärkten inzwischen den Kader. Klostermann (aus Eschweiler - 21) und Hermandung (aus Baal - 19) schafften den Sprung. Die Aufstiegsrunde wurde zu einem Debakel für die Grenzstädter. Erst das Letzte Spiel gegen den FK Pirmasens konnte die verwöhnten Zuschauer wieder zufriedenstellen. Es gab einen abschließenden hohen 5:1-Sieg. Zuvor gab es Niederlagen, die allesamt vermeidbar waren: gegen Pirmasens 0:3, Hessen Kassel 1:2, Hannover 96 1:2, nochmals Hessen Kassel 3:0. Nur zwei Spiele konnten in der Aufstiegsrunde gewonnen werden: Das Rückspiel gegen Hannover 96 mit 3:2 und 5:1 gegen Pirmasens. Die große Chance, sofort den Aufstieg in die Bundesliga zu schaffen, war vertan. Es mußte erneut Anlauf genommen werden. Die Regionalliga stand auf dem Programm. Dr. Heusch auf der Hauptversammlung zum Geschäftsjahr 1963/64: "Wir dürfen nicht zurück, sondern wir müssen vorwärts schauen."

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Man sah nach vorne - ganz den Wünschen des Präsidenten Dr. Heusch entsprechend, doch es dauerte bis 1967, ehe sich die kühnsten Träume der Alemannia erfüllten. Mitten in der Saison hatte man den ehemaligen Spieler Pfeiffer als Trainer verpflichtet, und erst er schaffte, was vor ihm drei Trainern versagt blieb: Ebenso erfolgreich in der Meisterschaftsrunde wie Pokal formte er die Mannschaft zu einem Meisterteam. Die Schlagzeilen, die nicht nur Aachener Zeitungen füllten, hatten alle den gleichen Tenor: "Die Tivoli Elf wird von einem Sturm noch nicht gekannter Begeisterung getragen."

Von Sieg zu Sieg - müßte man ergänzen, denn die Mannschaft unter Michel Pfeiffer schlug damals alles, was im deutschen Fußball Rang und Namen hatte. Dabei hatte es zuerst gar nicht nach einer Verpflichtung Michel Pfeiffers bei Alemannia ausgesehen. Im Gespräch war Rudi Gutendorf. Er sollte das Amt des technischen Direktors übernehmen. Erst als Gutendorf ablehnte und die weiteren Verhandlungen abgebrochen wurden, besann man sich auf den Ex-Aachener Spieler, der unter Hennes Weisweiler inzwischen das Fußballlehrer Diplom erworben hatte und sich praktische Erfahrungen im Umgang mit Fußball-Mannschaften bei Fortuna Geelen und dem SC Schwemmingen angeeignet hatte.

Nach einer 0:1 Niederlage in Hagen während des Weihnachts- und Neujahrsurlaubs wurde die Alemannia auf Pfeiffer aufmerksam. Pfeiffer damals: "Ich bin dankbar, daß man mir diese Aufgabe gab." Die Dankbarkeit des Trainer hätte sich nicht handfester ausfallen können, denn es wurde eine der besten Runden, die die Aachener je spielten.

Er formte die Mannschaft Prokop - Hermandung, Nievelstein, Thelen, Martinelli, Krieger - Klostermann, Gronen, Pawellek, Glenski, Sell, Ferdinand, Reiter, Hoffmann, die vor allem im DFB-Pokal Furore machte. Pirmasens wurde mit 1:0 nach einem 1:1 n.Verl. im Hinspiel, auf eigenem Platz ausgeschaltet. Der Schütze des wahrhaft "goldenen" Tores hieß Sell. Einen Monat später, Anfang Februar 1967, mußte der nächste Favorit daran glauben: Karlsruher SC. Mit 4:2 - durch Tore von Hoffmann (3) und Martinelli - ging der KSC auf dem Tivoli unter. Obwohl man bei Alemannia insgeheim mit dem HSV oder dem 1.FC Köln als Gegner gerechnet hatte, war man nachher glücklich. "Hoffmanns-Tropfen" hieß es nach dem Spiel gegen Karlsruhe nur noch - man hoffte auf weitere "Tropfen" des Alemannia-Mittelfeldspielers. KSC Trainer Roth war perplex: "Damit hatte ich nun doch nicht gerechnet."

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Der nächste Gegener im Pokal hieß Borussia Neunkirchen. Auch sie war den Alemannen nicht gewachsen. Der Weg ins Halbfinale des DFB-Pokals war geebnet. Alemannia hatte es durch Tore von Martinelli, Klostermann und Hoffmann geschafft. In der Aachener Sturm- und Drangperiode wurde Neunkirchen "so richtig durchgeschüttelt". Da kam nach dem Spiel auch schon der erste Glückwunsch. Borussen-Präsident Norbert Engel meinte: "Sie wären die richtige Mannschaft für das Endspiel." Das entscheidende Spiel sollte am 6. Mai um 16 Uhr im Hamburger Volksparkstadion über die Bühne gehen. Gegner war, wie sollte es in Hamburg auch anders sein, der Hamburger SV. Der damalige Trainer der Hamburger war auch Aachens Alemannia kein Unbekannter: Georg Knöpfle, der auch die Alemannia bereits mit Erfolg mehrere Jahre trainiert hatte. Schorsch Knöpfle blieb der alte. In einem Grußwort nach Aachen meinte er vor dem Spiel: "Wir vom HSV haben Respekt vor Aachen." Immerhin hatte der HSV den 1. FC Köln nach zwei "heißen" Begegnungen aus dem Rennen geworfen. Die Hamburger galten daher als klarer Favorit für dieses Spiel vor über 40000 Zuschauern. Alemannia ging mit dem Handicap, zwei verletzte Stammspieler ersetzen zu müssen, in die Begegnung. Klostermann, der als bester Außenstürmer Deutschlands galt, und Sell verletzten sich und mußten zuschauen. Dazu kam das Pech, in der 6. Minute bereits Krieger durch ein Foul zu verlieren. Er wirkte im restlichen Spiel nur noch auf dem Papier mit. So war es nicht verwunderlich, Daß das Spiel mit 1:3 verloren ging und Aachen alle Pokalträume begraben mußte. Der "Schüler" Pfeiffer konnte dem "Lehrer" Knöpfle nichts vormachen. Dabei war die Niederlage auch noch unglücklich, denn wer weiß, wie das Spiel gelaufen wäre, wenn Hamburgs Verteidiger Strauß den Torschuß von Glenski in der 10. Minute nicht noch aus dem Tor geholt hätte. Das Fernsehen gab nachher Aufschluß, doch die Entscheidung des Schiedsrichters "kein Tor" blieb unanfechtbar: Der Ball war klar hinter der Linie. Pech war das.

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Doch es gab in dieser Saison noch mehr zu bejubeln, als den Einzug ins Halbfinale des Vereins. Ebenfalls brachte es der "Wonnemonat" Mai. Pfeiffer schaffte den Meistertitel der Regionalliga West und damit den Einzug in die Bundesliga Aufstiegsrunde. Zum dritten Mal - 1964 und 1965 war man nur knapp gescheitert. 1967 sollte der Aufstieg in die Bundesliga, die höchste deutsche Spielklasse - geschafft werden. Zwei neue Spieler wurden eingekauft, die weit über Aachen hinaus bekannt waren: Horacio Troche und Juan Carlos Borteiro. Vor allem Troche war bestens bekannt. Er war es, der bei der WM in England dem deutschen Mannschaftskapitän Uwe Seeler eine nie vergessene Ohrfeige gab, und der sie nachher sogar so erklärlich machte, daß man sie ihm nicht mehr übel nahm. Troche:"Ich dacht, Seeler revanchiert sich und fliegt auch vom Platz." Der Uruguayer hatte die Rechnung ohne "uns Uwe" gemacht. Troche: "Seeler hat meine Hochachtung. Daß er sich nicht revanchiert hat, zeugt von äußerster Disziplin."

Die Aufstiegsrunde begann mit einem Sieg: 2:1 über Kickers Offenbach. Es folgte am 28. Mai 1967 ein 4:3 Erfolg bei Tennis-Borussia Berlin, ein 3:0 Sieg über den 1.FC Saarbrücken, ein 2:1 Auswärtssieg bei Göttingen 05. Die halbe Miete war schon in der Hinrunde eingeholt. Alemannia hatte sie ungeschlagen überstanden. Nein, nicht nur ungeschlagen, sondern ohne einen Punkt abzugeben. Das war ohne Zweifel ein Erfolg. Michel Pfeiffer, sonst eher zurückhaltend, blickte optimistisch auf die Rückrunde: "Wir brauchen noch drei oder vier Punkte zum Aufstieg!" Und diese Punkte holten sich Pfeiffer und seine Elf in den Heimspielen gegen Tennis-Borussia (7:2 Rekordsieg) und Göttingen 05 (3:1). Der Schritt in die Bundesliga war geschafft, auch wenn man in Offenbach mit 2:3 und in Saarbrücken mit 0:3 verlor. Aachen lud zur Bundesliga-Aufstiegsfeier. Präsident Leo Führen, der Nachfolger Dr. Heuschs: "Ich bin glücklich, daß wir den längst verdienten Aufstieg endlich geschafft haben. Wir haben das seit Jahren angestrebt Ziel endlich erreicht. Wir gehören nunmehr zur deutschen Spitzenklasse." 30000 Zuschauer feierten nach dem letzten Spiel gegen Göttingen 05 "ihre" Mannschaft. Aachen glich einem Tollhaus. Ferdinand und Glenski (2) sorgten für den Aufstieg. Ferdinand: "Das ist die Frucht der Kameradschaft." Der erste Gegner der neuen Bundesligasaison stand schon fest: Bayern München. Trainer war der Kölner Tschik Cajkovski, der die Stars Müller, Beckenbauer und Maier entdeckte. Von ihm das Kompliment: "Diese Paarung ist gewiß nicht mein Wunsch. Es hätte nicht schlimmer kommen können. Die Alemannia ist ja enorm heimstark".

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Die ersten Spiele mußte man Tribut an die Erfahrung zollen. Bayern München präsentierte sich in bestechender Form und gewann 4:0 auf dem Tivoli, in Dortmund mußte man beim 1:2 beide Punkte lassen. Doch nach diesen nicht sehr erfolgreichen Start lachte das Glück dann wieder: 2:1 gegen den Karlsruher SC, 1:0 in Neunkirchen, 2:0 über den HSV, und in Freundschaftsspielen gegen holländische Teams drei klare Siege. Pfeiffer: "Mehr konnte man nicht erwarten!" Es folgten zwei Unentschieden gegen Gladbach und in Frankfurt. Die Presse war sich einig: "Diese Alemannia ist eine Bereicherung für die Bundesliga." In der Folge mußten weitere prominente Gegner Haare lassen: München 60 und VfB Stuttgart. Aus Bremen brachte die Alemannia nach einem 1:0 Auswärtssieg beide Punkte mit. Und dann kam der 1. FC Köln, der glatt mit 4:2 überfahren wurde. Gerd Prokop, der über 200 Spiele für die Alemannia absolviert hatte, war in dieser Zeit wohl der stärkste Spieler ohne anderen mit dieser Einstufung weh tun zu wollen. Prokop hatte den Zenit seiner Leistung erreicht. Er wurde - so zum Beispiel in Bremen - zum unüberwindlichen Bollwerk. Es war schon erstaunlich, was dieser Mann alles hielt. Die Bild-Zeitung schwärmte: "Ein Tausendsassa". Ein sicherer Mittelplatz am Ende der Saison 1967/68 war der Lohn für Pfeiffers Arbeit im ersten Jahr Bundesliga. Der Trainer: "Wir haben erreicht, was wir wollten."

Bild 1: Seine Kopfballstärke ist gefürchtet: Erwin Hermandung, war lange eine Stütze der Alemannia. (Foto: Horstmüller)

Bild 2: Zwei alte "Strategen" unter sich: Uwe Seeler (rechts) und Jupp Martinelli begrüßten sich als Freunde und Gegner. (Foto. Kistermann)

Bild 3: Gefeiert und gefeuert: Michael Pfeiffer als Trainer am Tivoli. Er lernte Erfolg und Mißerfolg in allen krassen Schattierungen kennen. (Foto: Arnolds)

Bild 4: Gerd Prokop gehört zu den besten Torhütern, die Alemannia jemals hatte. Hier eine Studie aus der Bundesligazeit.


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