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Alsdorfer Fanclub brüllt auf dem Tivoli - Schwarz-gelbes Spektakel

Die "Schwarzen Adler" aus Mariadorf: "Wir sind die heißen Alemannia-Fans"


Aachener-Nachrichten vom 9 September 1980 (von Hermann Venghaus)

Vor dem Anpfiff: Konfettisturm und Gebete - Freunde bei Gegnern

Alsdorf/Aachen - Wenn auf dem Aachener Tivoli die Star-Kicker vom Fußball-Zweitligisten "Alemannia ins Stadion einlaufen, pochen nicht nur die Herzen der Öcher Fußballfreunde einige Takte schneller: Im Revier um die Bergbaustadt Alsdorf schlägt die Alemannia-Begeisterung zumindest ebenso hohe Wellen wie in der Kaiserstadt. So war die Gründung des ersten Alsdorfer Alemannen-Fanclubs längst überfällig, als am 21. Juli 1979 in Alsdorf-Mariadorf der "TSV Alemannia Aachen Fanclub Black Eagles" aus der Taufe gehoben wurde. Wie die Mitglieder anderer Fanclubs auch, müssen die Black Eagles mit dem Vorwurf leben, aggressiv und alkoholseelig Ärger vom Zaun zu brechen. Die "Nachrichten" informiert sich in Mariadorf und auf dem Tivoli "vor Ort".

Freitag vor wenigen Tagen: Wenige Stunden vor Beginn des Meisterschaftsspieles Alemannia-Aachen gegen Werder Bremen sammeln sich im Lokal Seving am Mariadorfer Dreieck die Black Eagles - hier ist ihre Stammkneipe, ihr Hauptquartier. Das Lokal gilt als "bürgerlich" und ist von einer "Räuberhöhle" weit entfernt, dennoch: Der unvorbereitet eintretende Gast muß glauben, er sei auf ein Piratenschiff geraten.

Abenteuerlich

Junge Leute in den abenteuerlichsten Aufmachungen belagern in Dreierreihen den Tresen: ein Farbenspektakel in Schwarz Gelb. Viele tragen das traditionelle Kartoffelkäfer-Trikot früherer Alemannenteams, fast obligatorisch sind ärmellose Jeansjacken mit Dutzenden von Vereins-aufnähern und Schals in den Clubfarben. Die ganz Verwegenen haben alle Bordüren der Oberbekleidung in Schwarz-Gelb gefaßt und tragen an den Handgelenken lange Flatterbänder.

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Drastisch

Fast jeder hat zwar ein Bier vor sich stehen, betrunken ist jedoch niemand: Sie kommen kaum zum Trinken, denn alle paar Minuten wird ein neuer Schlachtgesang angestimmt. "Werder ist Scheiße !" heißt es drastisch-aktuell und: "Wenn woll`n wir verschmausen? - Rot-Weiß Oberhausen ! Wen woll`n wir lynchen ? - Bayern München !". Blutrünstiges Schlachtgeschrei, doch die Stimmung erinnert eher an Karneval als an Schlägereien.

Harter Kern

Die "Nachrichten" unterhalten sich mit den jungen Leuten, die im Gespräch ebenso freundlich und höflich antworten wie ein kreuzbraver Disco-Freund, der ohne Krawatte nicht unter Menschen geht. Die Black Eagles, so erfahren wir, haben zur Zeit 65 eingeschriebene Mitglieder, die jeweils drei Mark Monatsbeitrag berappen. Zu den Heim- und Auswärtsspielen brüllt ein harter Kern von rund 50 Fans für die Alemannen-Elf.

Zehn Prozent Frauen

Erster Vorsitzender oder "Präsident" der Black Eagles ist Hans Kemper (19) aus Mariadorf. Hans Kemper - aus irgendeinem unerfindlichen Grund rufen ihn alle "Hugo" - arbeitet in Aachen als Dreher bei einer bekannten Firma: "Ich bin ausgelernter Dreher!" betont er mit Stolz. Das Durchschnittsalter seiner Truppe gibt er mit 17 Jahren an, und "Wir haben zehn Prozent Frauen dabei." Von den Vorurteilen gegen Fanclubs hält Hans Kemper nicht sehr viel: "Wir suchen keine Schlägereien mit gegnerischen Fans", so Hans Kemper, "wir versuchen solche Dinge eher zu vermeiden." Dennoch, muß er sich vorhalten lassen, sind Krawalle unter Zuschauern in vielen bundesdeutschen Stadien schon an der Tagesordnung. Kemper vertritt die Überzeugung, diese berüchtigten Holzereien gehen in der Hauptsache auf das Konto von nicht organisierten Fans, innerhalb der Clubs herrsche eine Disziplin, der sich alle Mitglieder unterordnen müssen.

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"Leistung für uns"

Auch den Verdacht, in den Fanclubs seien vor allen jugendliche Alkoholiker beheimatet, weist "Hugo" weit von sich: "Wenn in einem Haufen Leute zwei Fans betrunken sind, so lastet man dies gleich den hundert Clubfans an, die man einfach namhaft macht." Auch die schillernde Verkleidung seiner Truppe sucht Hans Kemper zu erklären: "Mit unserer Fankluft wollen wir schon optisch deutlich machen, daß wir die ganz heißen Fans sind", berichtet Hans Kemper. "Wir sind Fans der Spieler, die ja auf dem Rasen auch die Leistung für uns bringen. Wir sind keine Fans für Funktionäre."

Mehr Kontakte

Dennoch wäre man froh, wenn der Kontakt zur Alemannia-Führung enger gestaltet werden könnte Hans Kemper: "Wir haben da leider noch Schwierigkeiten. Würde uns der Verein etwas mehr Unterstützung gewähren, so ließen sich auch die Vorurteile abbauen."

Viele "Öcher" Adler

Mittlerweile ist einige Zeit verstrichen, die Fans drängen auf den Aufbruch. Draußen vor dem Lokal das gleiche Bild: markerschütterndes Gebrüll und "Werder ist ..." wie gehabt. Mit mehreren Personenwagen geht es in Richtung Aachen, wo an der Krefelder Straße die übrigen Clubmitglieder zur Kemper-Truppe stoßen: Viele Adler wohnen in Aachen. In kleinen Abteilungen marschiert man ins Stadion - man will nicht provozieren. Außerdem sind die Black Eagles mit den Fans von SV Werder "dick befreundet". Dazu Hans Kemper: "Das Bild in der Öffentlichkeit ist einfach falsch. Zu vielen Fanclubs in der Bundesrepublik haben wir die besten Kontakte, und die Leute vom Werder-Fanclub Huchting sind echte Freunde von uns." So bietet man sich bei Auswärtsspielen gegenseitig Schlafstellen an, feiert gemeinsam Feten und besucht sich auch außerhalb der Spielzeit regelmäßig - daran tun auch die kriegerischen Gesänge keinen Abbruch.

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Fanclub-Rituale

Vor Spielbeginn dann die üblichen Fanclub-Rituale: Eine Clubriege überklettert die Absperrungen - weitgehend ungehindert - und rennt mit dem Alemannia Banner über den grünen Rasen. Anschließend wird das schwarz-gelbe Fahnentuch im Anstoßkreis ausgebreitet und im Gruppen Kniefall der Fußballgott beschworen - das nennen sie "Beten gehen".

Südamerikanisch

Beim Einlaufen der Spieler halten die Black Eagles dann einen optischen Leckerbissen für Clute-Simon, Stradt und Co. sowie für die nicht clubgebundenen Fußballfreunde bereit. ein Konfettisturm südamerikanischen Ausmaßes geht auf die Ränge nieder - das Spiel kann beginnen.

Sternstunde

Die Alemannen gewinnen an diesem Tag. Alemannia wird neuer Tabellenführer der II. Liga Nord. Für die Black Eagles gerät dieser Abend zu einer Sternstunde erfüllten Clublebens: Sieg, keine nenneswerten Rangeleien mit der Polizei und ein gemeinsames Fest mit den befreundeten Werderanern als krönender Abschluß. Die Mariadorfer Eagles werden den Aachener Alemannen die Treue halten, denn - wie gesagt - "Wir sind die ganz heißen Fans!" Heiße Fans, eine wilde und überschwengliche Truppe, die solange sie nüchtern bleibt - gar nicht mal unsympathisch wirkt.

Bild 1: Säckeweise werden Papierschnipsel zum Tivoli gebracht.

Bild 2: Der Konfettisturm am Aachner Tivoli hat unter Mariadorfer Regie geradezu südamerikanische Ausmaße angenommen. In Tragetaschen schleppen die Fans die Papierschnitzel ins Stadion.

Bild 3: Die üblichen Fanclub-Rituale. Schwarze Adler beim Gruppen-Kniefall im Anstoßkreis - Stoßgebete an alle Fußballgötter. (Die Person unter dem umgedrehten L ist mein Bruder Michael Schaffrath.)

Die Qualität der Fotos ist leider nicht so gut.


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