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Spiele der Alemannia

Die wichtigsten und Interessantesten  Spiele der Alemannia


Ein Fußball-Rausch a la Südamerika: "Wer Erfolg hat, hat auch den Dreck"

Alemannia Fieber macht Tivoli zum Hexenkessel - nach dem Spiel viel Arbeit: Papier, Papier, Papier

Aachen. - Es war der Rausch der großen Fußballabende. Stimmung a la Südamerika. Kurz vor acht sind sich die Zuschauer im klaren: in wenigen Minuten laufen die Mannschaften ein. Noch halten die Fans ihre Hände in der Konfetti-Tüten. Dann geht´s los: Papier, Papier, Papier. Wie soll man das beschreiben ?

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Das Alemannen Fest am Tivoli hat sich nicht nur an Rhein und Ruhr herumgesprochen. Der Konfetti-Empfang ist selbst den Routiniers vom Fernsehen nicht gleichgültig. Der Blick eines Kameramannes geht öfters an der Linie vorbei, den Papierregen muß man halt mit eigene´n Augen gesehen haben.

Knapp zwölf Stunden nach dem Spiel der Alemannia gegen den Bundesliga-Klub aus Karlsruhe befindet sich der Tivoli Sportplatz immer noch nicht im Normalzustand. Seit 21 Jahren ist er nun Platzwart an der Soers, "aber so etwas habe ich noch nie erlebt." Heinz Randolph war gestern morgen noch angetan. Ein Anwesender zeigt sich weniger erfreut und schimpft über die Fans. "In Dortmund werden die Konfetti-Tüten am Stadioneingang von den Ordnern abgenommen, dort sind sie verboten", murrt der Mann im Trainingsdress. Aber Heinz Rudolph weiß es "Wenn man Erfolg hat, hat man Dreck, gibts keinen Dreck ist auch der Erfolg nicht da." Der Zustand des Tivolis zwölf Stunden nach einem solch aufregenden Spiel ist eine Anreise wert. Die Fernsehleute wußten es. Sie stellten gestern morgen aus den schneeweißen Rängen die Kameras auf. Sogar der Rundfunk ist da, wo keine Menschen sind. Sie filmen das leere Stadion, man fühlt sich in die Winterzeit versetzt. Rundherum nichts als Papier, Papier. Sie drehen für eine Reportage, über das Alemannen-Fest am Rande, vor und nach dem Spiel. Ausgestrahlt werden die Reportagen am nächsten und übernächsten Sonntag. Die ARD kommendes Wochenende innerhalb der Sportschau ab 18.33 Uhr, das ZDF eine Woche später in der Sportreportage kurz nach 17 Uhr.

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Die Asylanten aus Pakistan benötigen eine ganze Woche um die Tribünenplätze wieder leer, den Rasen wieder grün zu machen. Eine Heidenarbeit. Niemand von ihnen weiß so recht, wo er nun mit dem Aufräumen anfangen soll. Sie nehmen Besen und Schubkarre zur Hand und denken mit Schrecken an das kommende Heimspiel. Der heftige Wind steht ihnen zur Seite einen Großteil des Papierteppichs bläst er gleich über den Würselener Wall hinweg. Weniger amüsant ist die Lage am Aachener Wall. Vor dem Spielbeginn hatten sich Fans am Maschendraht ausgelassen. Hemmungslos rissen sie ihn nieder. "Das sind keine Fans mehr" meint ein treuer Anhänger. Das gleiche denken nun die Zuschauer, die geduldig vor dem Kassenhäuschen warten und Eintritt zahlen mußten.

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Die Warterei beginnt nicht erst am Tivoli-Eingang. Zwei Stunden vor Spielbeginn wird in und um Aachen die Blechlawine in Gang gesetzt. Mann kann es mit einem Notizblock nachvollziehen:

18.25 Uhr: Warten in der Breslauer Straße.

18.33 Uhr: Warten am Berliner Ring.

18.45 Uhr: Warten in der Goebelgasser (Pariser Ring)

Gegen 19.00 Uhr, eine Stunde vor dem Anpfiff erreicht man endlich die Zielgerade Krefelder Straße.

19.10 Uhr: Ankunft Tivoli.

Nach 19.10 Uhr. Warten am Stadion Eingang. Hauptkommissar Wolfgang Siebert nimmt die Sache nicht so tragisch. Vor allem in der Woch müsse mit solchen Verkehrs Verrenkungen gerechnet werden, wenn Berufs- und Veranstaltungsverkehr aufeinanderprallen, "Von Chaos direkt kann nicht die Rede sein", kommentiert er die Lage vom Dienstagabend in der Soers. Er selbst habe relativ sicher den Weg zum Tivoli gefunden. Zuschauer jedoch klagen über unzumutbare Zustände auf den Straßen, wenn am Tivoli ein wichtiges Spiel auf dem Programm steht. 27000 waren am Dienstag auf den Beinen oder auf den Rädern. Alles platzte aus den Nähten.

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Vorgestern wurde den Zuschauern im Stadion das Warten ein wenig leichter gemacht. Ein Jugendspiel brachte Ablenkung. Für die jungen Spieler ein aufregendes Ereignis. Ein Spiel vor knapp 20000 Zuschauern (so viele waren es schon eine Stunde vor dem Anpfiff), davon hatten die Burschen bislang nur vor dem Bildschirm geträumt. Und jetzt soll dies alles wirklich sein ? Jedenfalls spurtete sogar das Schiedsrichter-Trio nach Abpfiff des Jugendspiels in die Kabine um den Einlauf der Mannschaften live zu erleben.

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Anhand der Papierstücke, die von den Fans auf das Spielfeld geworfen werden, merkt man, daß natürlich nicht nur Aachener ein Herz für Alemannia haben. Auf dem Rasen liegen Zeitungsartikel aus Aachen und Umgebung, aus dem Wurmrevier und Nordeifel. Ein Ordner am Rasenrand weiß mit dem Papier richtig umzugehen. Er setzt sich drauf, sein Hosenboden bleibt trocken.

Gegen 20.45 Uhr der Pausenpfiff des Unparteiischen. Über Lautsprecher wird ein gewisser Herr Soundso in die Sprecherkabine gebeten. Der Grund: "Wir gratulieren Ihnen. Sie sind in dieser Stunde Vater geworden." Im Presseraum herrscht ein Gedränge, das man am Tivoli schon lange nicht mehr erleben konnte. Reporter aus nah und fern. An der Theke flüstert ein Anhänger Karl Wilhelmi ins Ohr: "Das Spiel ist noch nicht gewonnen." Der Mannschaftsbetreuer der Alemannia nickt. Dennoch will er eine Wette eingehen. "Für einen Fünfziger, daß wir gewinnen", meint Wilhelmi. Sein Partner geht auf das Geschäft erst gar nicht ein. Offenbar glaubt auch er, daß die Schwarz-Gelben es schaffen werden.

Mitte der zweiten Halbzeit wagen sich auch Jugendlich auf ein Tribünendach. Im Lärm der Besucher geht die Ermahnung des Lautsprechers unter. Der Sprecher muß neu ansetzen. Er fordert die jungen Leute zur Vernunft auf: "Wir bitten den Supporter-Klub Black Yellow, auf den Rängen für Ordnung zu sorgen." Die Zeiten am Tivoli haben sich wahrscheinlich gewandelt.

Zu guter Letzt darf man sich auf das kommende Heimspiel freuen, wieder mit Konfetti, Papierschnitzeln und ... Wunderkerzen. Dann schreit es wieder von den Rängen: "Aaachen, Aaachen", "Zugabe, Zugabe" oder "Nach Hause, nach Hause, nach Hause, Fortuna". Am Tag nach dem Spiel gegen die Kölner sind dann wieder Randolph und die Pakistani an der Reihe. Mit Besen und Schubkarre. Geschäftsführer: Bert Schütt und Präsident Egon Münzenberg strahlten bereits vor dem KSC-Spiel. Versteht sich. Mit 250000 DM gab es die höchste Einnahme aller Zeiten. An den niedergerissenen Zaun am Aachener Wall dachten sie zur dieser Stunde noch nicht. Der Erfolg hat seinen Preis.

Bild 6

Bild 1: Bei dem Bild bekommt man eine Gänsehaut.

Bild 3: Zerstörter Zaun am Aachener Wall.

1. Anmerkung von mir: Weiß jemand ob es eine Möglichkeit gibt an Fernsehbilder von damals zukommen ?

2. Anmerkung von mir: Wieso finden heut zutage keine Jugendspiele vor dem offiziellen Spiel statt

 

 

 

 

 

Aachener Volkszeitung vom 30. Oktober 1980 . Von Gerhard Cremer Fotos: Sepp Linckens


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