zurück zur Startseite

Spiele der Alemannia

Die wichtigsten und Interessantesten  Spiele der Alemannia


Aachener Nachrichten vom 9. Dezember 1989 (Franz Küsters)

Nach 21 Jahren ist eine Tivoli-Mannschaft wieder "Herbstmeister"

Ein Brandts-Foulelfmeter rettete Alemannia die Weihnachtsfeier

Aachen. - Auf diesen Tag hat das Fußballvolk an der Westgrenze 21 Jahre warten müssen: erstmals nach 1963 wurde die Alemannia wieder "Herbstmeister" im Profifußball. Damals, am 8. Dezember, beendete die Mannschaft, in der Leute wie Jupp Martinelli oder Branko Zebec spielten, die Hinrunde mit 31:7 Zählern vor dem Wuppertaler SV (28:10). Jetzt sind die Tivoli Kicker lediglich einen Punkt besser als der 1.FC Saarbrücken.

Die Sektkorken knallten gestern allerdings nicht in der Kabine nach dem 1:0 gegen Offenbach, sondern erst zwei Stunden später auf der Weihnachtsfeier, die um ein Haar zur Trauerfeier geraten wären, denn Euphorie oder Enttäuschung hingen von einem einzigen Tor ab, das erst fünf Minuten vor Schluß fiel und dann auch noch durch einen Foulelfmeter.

Und das war die Situation: Hertha BSC, bis Samstag mit elf Minuspunkten relativ gleichauf, gab entscheidende Zähler gegen Hannover 96 ab, doch die Alemannen mußten trotzdem gewinnen, um das ersehnte Ziel zu erreichen, denn Saarbrücken verfügt über die einwandfrei bessere Tordifferenz und wäre mit einem 0:0 der Alemannia selber Herbstmeister gewesen. Alsnichts mehr ging, die Zuschauer dennoch wie eine Wand hinter der Aachener Mannschaft standen, wurde der Traum doch noch wahr. Libero Buschlinger überlief die teuflische Abseitsfalle der Kickers und Hahn konnte ihn nur noch mit der "Notbremse" am Torschuß hindern. Andreas Brandts behielt die Nerven und verwandelte. Als Lohn für diese entscheidende Tat durfte er die doppelte Ehrenrunde im Stadion unter den Ovationen der fast 20000 auf den Schultern einiger Mitspieler und Fans genießen. Der Spielmacher als Held des Tages!.

Bild 1

Lange zuvor hätte allerdings die Entscheidung fallen können und müssen. Total genervt unter dem Druck des Gewinnen müssens, gelang zwar anfangs gar nichts und man hätte auch durch prachtvolle Konterchancen von Grünwald (17.) und Schummer (35.) durchaus in Rückstand geraten können, doch plötzlich schien der Knoten zu platzen, als sich noch vor der Pause ein halbes Dutzend bester Möglichkeiten ergab, die von Brandts, Ruof, Olck und Hach versiebt wurden. Niemand konnte Oliver Reck, der vor einem Jahr in Offenbach Valentin Herr aus dem Tor verdrängt hatte, überwinden. In den zehn Spielen der ersten Serie hat kein Torwart überzeugender aufgetrumpft als er. Das war eine absolute Topleistung.

Mit der Chancenauswertung hapert es beim "Herbstmeister" schon seit einigen Wochen. Das wurde dann auch nach der Pause nicht besser, als Poque und schließlich Habig als "Joker" gesetzt wurden. Offenbachs Abwehr- "Reck"en hielten den Laden dicht und das Spiel der Alemannia verkrampfte trotz aller Anfeuerungsrufe von den leidenschaftlich mitgehenden Zuschauern.

Beim Tabellenführer standen Licht und Schatten zeitweise in starken Kontrast. Ruof und Delzepich (nach früher Ermahnung des Schiedsrichters verunsichert) fanden die Lücken nicht, aus dem Mittelfeld wurde viel zu überhastet zugespielt und geschossen. Hier mühte sich Brandts zwar um Linie, blieb aber glücklos. Hach, Thomas und Olck überzeugten kaum, Willkomm fiel sogar stark ab.

So waren die besten Spieler in der Abwehr zu suchen. Herr bestach bei Offenbachs Kontern durch Bärenruhe, Buschlinger verdiente sich nicht nur wegen seines entscheidenden Sprints eine "1", Montane verschliß Beppo Hofeditz, die erstmals ein gesetzte Neuerwerbung der Kickers.

Im Prinzip zogen sich die Gäste glänzend aus der Affäre, wenn man bedenkt, daß mit Neun, Eichhorn und Schummer der Amateure zum Zuge kamen. Neben Reck gefielen in der Abwehr Libero Paulus und Vorstopper Stumpf (gegen Delzepich), im Aufbau der Ex-Lauterer Axel Brummer und Hahn.

So endete das Vielzitierte Duell der Trainerbrüder Werner (Alemannia) und Fritz (Offenbach) Fuchs, denen der Fan-Club vor dem Spiel eine lebendige Gans geschenkt hatte (Werner: "Die geben wir in gute Hände und machen sie zum Maskottchen") mit einem glücklichen, wenn auch verdienten Sieg und einem bonmotreichen Wortgefecht der beiden bei der Pressekonferenz.

Zwischen ihnen Alemannia-Präsident Bubi Hirtz, der seinen Trainer, als "lieber Freund" ansprach und in der Halbzeit vor der Tribüne mit der Ehrenplakette der Deutschen Olympischen Gesellschaft ausgezeichnet wurde, dahinter Vater Albinus Fuchs mit feuchten Augen. Er war mit Frau Lieselotte doch noch überraschend zum "Familienzwist" angereist.

Fritz: "Seit die schrägen Vögel aus der Mannschaft sind, geht es bei uns wieder bergauf. Wie waren bis unter die Haarspitzen motiviert."

Werner: "Ich wußte, daß mein Bruder seine Mannschaft so motivieren würde. Ich meine übrigens auch."

Werner: "Herbstmeister ist ein schöner Titel, aber am Ende wird abgerechnet."

Fritz: "Dann benehmt euch bis dahin anständig, denn das letzte Spiel ist bei uns in Offenbach."

Werner: "Wenn wir rechtzeitig in Führung gegangen wären, hätten wir es leichter gehabt."

Fritz: "Was soll ich mich grämen oder dem Spieler Hahn Vorwürfe machen, Buschlinger hätte das Tor wahrscheinlich sowieso gemacht.

Fritz: "Ich gratuliere meinem Bruder zu dieser tollen Mannschaft und diesem tollen Publikum."

Werner: "Ich habe mich bei allen Spielern für die Leistungen der Hinrunde bedankt."

Fritz: "Bis zur Schlußphase war alles offen, dann wurde der Druck zu groß."

Werner: "Inder letzten Viertelstunde haben wir alles oder nichts gespielt."

Es wurde alles und die Zuschauer wissen es zu schätzen. Nächste Woche schon fragt kein Mensch mehr nach dem "Wie", sondern alle fiebern über den Pokalhit gegen Mönchengladbach hinaus dem Rückrundenstart entgegen. Alemannia als Herbstmeister auf Bundesligakurs? Eine Frage, die man noch eine Weile zurückstellen sollte, Freiburgs Trainer Anton Rudensky sagte Mitte November nach dem Aachener 1:0 Sieg, worauf es ankommt: "Spielt die Alemannia im Februar und März immer noch mit diesem Druck, dann steigt sie auf."

Spruch des Tages: "Meine auch!" (Offenbachs Trainer Fritz Fuchs auf die an seinen Bruder Werner gerichtete Frage eines Journalisten, ob seine Mutter auf der Tribüne gesessen habe.)

Bild: Gleich die doppelte "Ehrenrunde" mußten die Spieler des Zweitliga-Herbstmeisters" Alemannia Aachen nach dem entscheidenden 1:0 gegen Offenbach absolvieren. So bedanken sie sich bei ihrem riesigen Publikum. Von links: Torschütze Brandts, Herr, Hach, Delzepich, Buschlinger, Frenken und Poque. (Foto: Mohssenzadeh)

Anmerkung von mir: Alemannia verlor das Rückspiel mit 1:0 und wurde zum Schluß Tabellen fünfter. Der Zuschauerschnitt lag in der Saison 84/85 bei 7794.


Startseite

zurück