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Jupp Derwall

Quelle: Deutschlands Fußball Nationalspieler von Jürgen Bitter


Bundestrainer und "Pascha am Bosporus"

Geboren am 10. März 1927

Zwei Länderspiel (1954)

Würselen liegt vor der Aachener Haustür. Ein Flüßchen namens Wurm windet sich hier vorbei - bis zur alten Krönungsstadt der deutschen Kaiser ist es nur ein paar Autominuten. Würselen ist die Heimat von Jupp Derwall, dem vierten Bundestrainer des deutschen Fußballs nach Otto Nerz, Sepp Herberger und Helmut Schön. Er wurde als Sohn eines Bundesbahn-Obersekretärs geboren und besuchte in seiner Heimatstadt die Realschule. Mit elf Jahren war er zum erstenmal für Rhenania aktiv. Als der 2. Weltkrieg vorbei und ihm die Flucht aus der Kriegsgefangenschaft geglückt war, begann die große Zeit des jungen Josef Derwall. Er spielte mit seinen Rhenanen in der Landesliga des Rheinbezirks, Schoß viele Tore und hatte Maßgeblich Anteil daran, daß sein Verein, dessen Sportplatz "Am Lindenhof" ein besserer Acker war, im Jahre 1948 sensationell in die westdeutsche Oberliga aufstieg. Jupp Derwall ragte aus einer durchschnittlichen Mannschaft heraus, weil sein fußballerisches Rüstzeug größer war als das seiner Kameraden, die allerdings über einen unbändigen Kampfeseifer verfügten und über ein eindrucksvolles Zusammengehörigkeitsgefühl. Bis 1949 blieb Jupp Derwall noch in heimischen Gefilden, arbeitete als Maurer und Glaser und wechselte schließlich zum Nachbarn Alemannia Aachen. Der Transfer war nicht ganz reibungslos, denn im Bergmannsdorf Würselen verübelten es die Fans den benachbarten Alemannen, daß sie sich den stärksten Spieler geangelt hatten. Reinhold Münzenberg war bei Alemannia Aachen noch immer der große Abwehrstratege. In seinem ersten Punktspiel für seinem neuen Verein schoß Jupp Derwall gleich sein erstes Tor - in Köln gegen Preußen Dellbrück. Im Tor des Gegners stand Fritz Herkenrath, der spätere Nationaltorhüter. Derwall erreichten nun schon bald die ersten Berufungen zu Repräsentativspielen - und nach einem Lehrgang meinte Sepp Herberger: "Gutes Material - dieser Junge." Der Stürmer mit dem satten linken Schuß erreichte mit den Alemannen im Jahre 1953 das deutsche Pokalfinale - in Düsseldorf unterlagen die Aachener der Elf von Rot-Weiß Essen mit 1:2. Im gleichen Jahr wechselte Jupp Derwall zu Fortuna Düsseldorf, wo er als Halbstürmer zum Nationalspieler wurde.

In den folgenden Jahren sollte er mit seinem neuen Verein noch zweimal das deutsche Pokalendspiel erreichen - doch stets verließ er es als Verlierer (gegen Bayern München und VfB Stuttgart). Im Jahre 1959 war Derwall einer der ersten deutschen Fußballer, die es ins Ausland zog. An der Schweizer Turn- und Sportschule in Magglingen erwarb er sein Examen als Diplomsportlehrer (später dann in Köln auch das Fußballerexamen des DFB). Als Spielertrainer hatte Jupp Derwall mit dem FC Biel gleich einen durchschlagenden Erfolg - er wurde Vizemeister und stand im Pokalfinale. Nach einem Jahr beim FC Schaffhausen kehrte er nach Düsseldorf zurück - in der Zwischenzeit hatte er seine spätere Frau Elisabeth kennengelernt, die in Zürich als Verlagsleiterin arbeitete. Auch in Düsseldorf, seiner alten sportlichen Heimat, blieb Jupp Derwall der Erfolg treu - doch als er mit den Fortunen im Pokalendspiel gegen den 1.FC Nürnberg stand, da hatte er wieder Pech. Der Club gewann in der Verlängerung mit 2:1. Fünf Pokalendspiele - fünf Niederlagen! Als Trainer des Saarländischen Fußballverbandes wuchs Jupp Derwall als erstklassiger Coach. 1970 holte ihn Helmut Schön in seinen DFB-Trainerstab - der neue Mann war für die Amateurauswahl verantwortlich. 1974 wurde er Europameister - gemeinsam mit Jugoslawien. Das Endspiel wurde nicht ausgetragen, weil der Platz in Rijeka nach Wolkenbrüchen zu morastig war. Als Helmut Schön nach der WM in Argentinien zurücktrat, wurde Jupp Derwall verabredungsgemäß sein Nachfolger. Einige Kritiker äußerten zwar ihre Bedenken, weil sie dem jovialen und meist gutgelaunten Rheinländer den knallharten Job nicht zutrauten, doch Derwall scherte sich nicht darum und eilte mit der Nationalelf zu einer eindrucksvollen Erfolgsserie, die in dem Gewinn der Europameisterschaft 1980 in Italiens Hauptstadt Rom ihren Höhepunkt fand. "Häuptling Silberlocke" nannte Max Merkel den Bundestrainer mit den grauen Haaren, der 1982 mit seinem Team das Endspiel der Weltmeisterschaft in Madrid erreichte. Doch dieses Turnier in Spanien war der Wendepunkt in der Kariere Jupp Derwalls, dessen Harmoniebedürfnis mit den Persönlichkeitsstrukturen einiger seiner alternden Stars nicht in Einklang zu bringen war. Als Jupp Derwall in der Europameisterschaftsendrunde 1984 in Paris an Spanien scheiterte, war seine Amtszeit quasi vorbei, obwohl er auf eine eindrucksvolle Bilanz zurückschauen konnte. Von 67 Länderspielen unter seiner Regie wurden 45 gewonnen und nur elf gingen verloren. Derwalls Nachfolger wurde Franz Beckenbauer, und den Rheinländer zog es nach Istanbul, wo er sich beim türkischen Erstligisten Galatasaray ein Denkmal setzte. Nach 17 erfolglosen Jahren führte Jupp Derwall seine Mannschaft 1987 zur türkischen Meisterschaft - er wurde als "Fußballpascha am Bosporus" verehrt. Die Universität Hacettepe in Ankara verlieh dem Fußballrepräsentanten aus Deutschland sogar die Ehrendoktorwürde. Galatasaray bot ihm einen Vertrag auf Lebenszeit an, doch im Sommer 1989 kehrte er in die Bundesrepublik zurück. Er lebte fortan im saarländischen Dudweiler und in Lenzerheide in der Schweiz. Danach wurde es ruhiger um Jupp Derwall - auch deshalb, weil er es 1991 nach einem Herzinfakt langsamer angehen ließ. 1994 wurde er Ehrenmitglied des Bundes Deutscher Fußballehrer.


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