zurück zur Startseite

Reinhold Münzenberg

Von Herbert Arnolds

Quelle: 75 Jahre Alemannia Aachen


Früher, als der Ball noch wichtiger war als das Geld

Wenn es ein Fußballspieler zum Millionär gebracht hat, dann sind die Gedankensprünge zu wahnwitzigen Handgeldern und riesigen Gehältern nicht sonderlich weit. So verständlich derartige Vorstellungen im Sportgeschäft auch sein mögen, Reinhold Münzenberg fechten sie nicht an. In den Tagen, da tausende von Zuschauern ihrem Reinhold, dem "Eisernen", zujubelten, spielte der Ball noch vor dem Geld die entscheidende Rolle. Fahrtkostenerstattung und ein gemeinsames Abendessen allein wogen die Ehre auf, für Verein und Vaterland spielen zu dürfen. Münzenberg erinnert sich: "Bei Länderspielen gab es neben den Reisespesen noch ein Tagegeld von drei oder manchmal fünf Mark." Um von vorneherein jeglichen Starkult zu unterbinden, mußten die Herren Nationalspieler ihre Fußballschuhe noch höchstpersönlich wienern. Und der gestrenge Bundestrainer Nerz ließ seine Truppe obendrein allmorgendlich zum Stiefelappell antreten.

Es war also keineswegs die reinste Freude, in den dreißiger Jahren der Nationalmannschaft des Deutschen Fußball-Bundes anzugehören. Und an Reichtum war nicht einmal im Traum zu denken. Reinhold Münzenberg hatte 41 Länderspiele für Deutschland bestritten. Der gelernte Architekt eröffnete nach dem zweiten Weltkrieg mit seinem Klubkameraden Walter Goffarth ein kleines Bau Geschäft, das zu einem der führenden Unternehmen im deutsch-belgischen-niederländischen Grenzraum wurde. "Gewiß", sagte Seniorchef Reinhold Münzenberg, "am Anfang brachte meine Popularität den einen oder anderen Auftrag ein, aber geschenkt wurde mir nichts. Ich habe für mein Geld immer hart arbeiten müssen."

Bild 1

Was diesem Mann sein Sport einmal bedeutet haben muß, das erklärt wohl am anschaulichsten die Geschichte seiner Heirat. Es war in den Tagen der Fußball-Weltmeisterschaft 1934. Während die deutsche Elf in Italien Vor- und Zwieschenrundenspiele absolvierte, saß Münzenberg daheim in Aachen und blies Trübsal. Er war verärgert, daß er nicht zum Aufgebot gehörte. Er fühlte sich übergangen. Trost fand er bei seiner Braut. Und es dauerte nicht lange, da beschlossen die beiden zu heiraten. Der Pfarrer wurde bestellt, das Standesamt verständigt, der Termin festgelegt. Da flatterte plötzlich und unerwartet ein Telegramm aus Sorrent, dem Quartier der DFB-Auswahl ins Haus. Bundestrainer Nerz benötigte für das Spiel um den dritten Platz gegen Österreich den Verteidiger Münzenberg und bat ihn, umgehend nachzureisen. Der Bräutigam zögerte keine Sekunde, packte die Koffer, putzte die Stiefel und saß wenige Stunden später im Flugzeug nach Rom. Der verlassenen Braut blieb nichts weiter übrig, als die geplante Hochzeit abzusagen. In Neapel gewann derweil die deutsche Mannschaft mit einem überragenden Münzenberg gegen Österreich mit 3:2 und somit Platz drei der Weltmeisterschaft. Zwei Tage später erfolgte in Rom die Siegerehrung, dann flog die Elf nach Deutschland zurück, und Münzenberg konnte endlich seine geplante Hochzeit nachholen.

In Fußball-Fachkreisen hört man gelegentlich von Vergleichen, die gezogen werden zwischen Spielern von gestern und heute. So sagt man Münzenberg nach, er sei quasi der "Vogts der frühen Jahre" gewesen.Münzenberg hält derartige Gegenüberstellungen für überflüssig. Er ist der Ansicht, daß im Laufe der Jahre das Fußballspiel sich zu sehr gewandelt habe, als daß derartige Spekulationen überhaupt zulässig wären. "Wir haben früher härter Mann gegen Mann gespielt. Außerdem erlaubten uns die Regeln zu meiner Zeit noch Dinge, die heute längst verboten sind. Wir durften zum Beispiel noch die Sohle hinhalten." Daß Münzenberg die ganze Skala des harten Einsteigens beherrschte wie kaum ein zweiter, war nie ein Geheimnis. Er selbst macht daraus auch keinen Hehl. Ihn stört es auch nicht, wenn er ein "Rauhbein" oder etwa der "Eiserne" genannt wurde. "Ich habe niemanden geschont", sagt er, "andererseits nahm ich aber auch keine Rücksicht auf mich selbst." So ist es schon ein kleines Wunder, daß Münzenberg in seiner fast 25 jährigen aktiven Laufbahn nicht ein einziges mal verletzt worden ist. Besonders stolz ist er auf seine einmalige Serie, die er in den Jahren 1935 bis 1937 schaffte Da bestritt er 26 Länderspiele in einer Reihenfolge. Damals er warb er sich auch den Ruf, "englischer als die Engländer zu spielen. Es war die Zeit der großen "Backs", wie man die wenig zimperlichen Verteidiger dieser Tage zu nennen beliebte.

in Großbritannien, dem viel gepriesenem Mutterland des Fußballs, sorgte der unverwüstliche Aachener für dicke Schlagzeilen, als er am 4. Dezember 1935 den legendären Stanley Matthews derart "an die Kette legte", daß dieser kaum einmal in die Nähe des Balles gelangte "Doch der hat sich später bitterböse revanchiert, "1938 in Berlin, wir verloren 3:6, hat Stan den Spieß herumgedreht und mich vorgeführt. Erst da habe ich so richtig erfahren, wer dieser Matthews war."

Bild 2

Münzenbergs bitterste Erinnerung liegt noch weiter zurück. "Das war bei meinem dritten Länderspiel. In Paris ging es zum erstenmal nach dem ersten Weltkrieg gegen die Franzosen. Die Spannung im Prinzenpark war riesig. Und da mußte mir ausgerechnet dieses dumme Eigentor passieren. Der französische Außenstürmer schoß auf unser Tor. Ich sprang dazwischen, fälschte den Ball dabei so unglücklich ab, daß Torwart Kress nicht mehr heran kam.   " Dadurch ging das Spiel schließlich mit 1:0 verloren. Das Unglückstor blieb übrigens Münzenbergs einziger Treffer in einem Länderspiel. "Wie mir damals zumute war, kann ich kaum beschreiben. Es war furchtbar." Doch Tiefpunkte blieben die Ausnahme im Fußballer-Leben des Großen Reinhold.

Großartige erfolge wogen diese oder jene Niederlage bei weitem auf. Seine sportliche Biographie ließt sich wie ein einziger Siegeszug. 25 (!) Jahre lang betrieb er Fußball als Leistungssport. Noch im 41. Lebensjahr war er eine unentbehrliche Verstärkung für die erste Mannschaft seiner Aachener Alemannia. 1926 begann er als 17 jähriger, am 24. März 1951 verabschiedete er sich auf dem traditionsreichen Tivoli von seinen Fans. Wie oft er wohl das schwarz-gelbe Trikot übergestreift haben mag, weiß er beim besten Willen nicht mehr zu sagen: "Aber ein paar hundert Spiele werden es schon gewesen sein." 41 mal spielte er unter Trainern Nerz und Herberger in der deutschen Nationalelf. Zweimal (1934 und 1938) nahm er an den Endrunden zur Weltmeisterschaft teil. 1936 gehörte er bei den Spielen von Berlin zur Olympia Auswahl. In der Zeit von 1934 bis 1939 zählte er zu jener unvergeßlichen "Breslauer Elf", die in folgender Aufstellung über die Grenzen des Landes hinweg zu Ruhm und Ehre gelangte: Jakob, Janes, Münzenberg, Kupfer, Goldbrunner, Kitzinger, Lehner, Gellesch, Siffling, Szepan und Urban.

Anmerkung von mir: Als dieser Bericht geschrieben wurde war Reinhold Münzenberg Präsident der Alemannia (1974-1976). Diese Zeit und die folgende in der Egon Münzenberg, Neffe von Reinhold Münzenberg, Präsident der Alemannia war (1978-1984) soll hier unerwähnt bleiben da es ein eigenes Kapitel erhalten soll.

Zitat von Franz Joseph Küsters: " Reinhold Münzenberg war Alemannia und blieb es über das Ende seiner Karriere 1951 und seinen Tod 1986 hinaus."

Bild 1: Ein souveräner Verteidiger: Reinhold Münzenberg 1937 in Berlin gegen Oslo, als er mit gekonnten Einsatz ein Tor der Gäste verhindert. (Foto: Schirner)

Bild 2: Ehrung für das 600. Spiel für die Alemannia: Reinhold Münzenberg (links) erhält einen Blumenstrauß von dem Aachener Sportjournalisten Günther Strentzke. In der Mitte der damals jüngste Vertragsspieler bei Alemannia, Josef Kanuf. Er war gerade erst 17 Jahre alt. (Foto: Schirner)


Startseite

zurück