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Die sechziger
Jahre
Von Donald Schieffers
Quelle: 75 Jahre Alemannia Aachen |
Die Saison 1968/69 - Alemannia ist Vizemeister
Die heißeste Nachricht gab es noch vor dem Anstoß zur
Saison 1968/69. Einer der populärsten belgischen Spieler, Roger Claessen, unterschrieb
einen Vertrag bei der Alemannia. "In jedem Spiel ein Tor," versprach der
sympathische Mittelstürmer dem Präsidenten. Aus mehreren Angeboten der Vereine Schalke,
Hamburg, und Feyenoord Rotterdam entschied sich Claessen nach kurzer Bedenkzeit für die
Aachener. Auf die Frage, was ihn denn an dem Gastspiel in Aachen so reize, antwortete
Roger "James Dean" Claessen: "Der überaus faire und klare Vertrag."
Er sollte zum best bezahlten Spieler der Alemannia werden, denn die Summe, die vertraglich
abgesprochen waren, sind zwar heute kaum noch erwähnenswert, bedeuteten aber 1968 noch
absolute Spitzenklasse der Bundesliga Gehälter. Noch eines war absolute Spitze: Die
Ablösesumme.
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Die Ablösesumme führte zu einem Skandal in der
Öffentlichkeit, der ein ungeahntes Ausmaß annahm. So erklärte Harry Read, der wenige
Wochen vorher Claessen eine Wohnung unweit von Aachen besorgt hatte, seinen Rücktritt.
Read, damals Schatzmeister, zu dem Vorgang: "Allein entscheidend für meinen
Rücktritt war die Höhe der Ablösesumme an Claessens Stammverein Standard Lüttich.
Nicht der Spieler, den ich als Sportler sehr schätze." Read blieb nicht der einzige,
der nach dem Vertragsabschluß die "Brocken hinwarf." Die Ablösesumme
überschritt bei weitem die Alemannia-Möglichkeiten und strapazierte die sowieso schon
angespannte Finanzlage bis zum Zerreißen. So erklärte der Vorsitzende des
Verwaltungsrates Werner Kochs seinen Rücktritt unmißverständlich: "Mit Rücksicht
auf die wirtschaftliche Gesamtsituation des Vereins halte ich den Verpflichtung von
Claessen für nicht vertretbar. "Trainer Michel Pfeiffer baute derweil die Mannschaft
für die neue Saison auf, die mit insgesamt sieben neuen Spielern verstärkt wurde.
"Auf das Erreichte bin ich stolz," meinte Pfeiffer, ohne auf die Querelen
innerhalb des Vereins zu schauen. Sein persönlicher Erfolg verleitete ihn zu weiterer
Illusion: "Es geht mit Optimismus in das zweite Jahr." Pfeiffers Optimismus war
begründet, denn er hatte neben der Verpflichtung des Star-Spielers Claessen einen zweiten
dicken Fisch an der Angel, der wenige Tage später unterschrieb: Ion Ionescu von einen
zweiten dicken Fisch an der Angel, der wenige Tage später unterschrieb: Ion Ionescu von
Rapid Bukarest. Ionescu war der erste Spieler eines Ostblocklandes, der im Westen sein
Geld verdienen durfte.
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Seine Ausreiseerlaubnis wurde erst im letzten Moment
erteilt. 25 Länderspiele in der rumänischen Nationalmannschaft war das beste Zeugnis
für den Mittelstürmer. Zwei Mittelstürmer - neu - in einer Saison. Konnte das gutgehen
? Trainer Pfeiffer hoffte auf "30 Punkte zur Halbzeit" - heute sind die
Aufsteiger mit 28 Punkten im Endergebnis zufrieden - so ändern sich die Zeiten!
Neben diesen zwei Weltstars, die schwarz-gelb überzogen, wurden eine Reihe von
aussichtsreichen Talenten verpflichtet, von denen vor allem ein Spieler seinen Weg machte:
Jupp Kapellmann. Als Jupp erstmalig das Alemannen-Trikot überstreifte, wußte noch
niemand, daß er einst beim Wechsel von Köln nach München den Rekordtransfer von 880000
Mark an Ablösesumme einbringen würde. Damals war er noch ein unbeschriebenes Blatt. Er
selbst: "Ich weiß nicht, ob ich es schaffte, Stammspieler zu werden. Die Konkurrenz
innerhalb der Mannschaft ist groß." Mit Scholz holte Pfeiffer einen neuen
Ersatztorwart auf den Tivoli. Auch er machte seinen Weg. Auf das erste Tor von
Mittelstürmer Claessen mußte man allerdings etwas warten. Erst im Freundschaftsspiel
gegen Slovan Preßburg traf er am 4.8.1968 erstmals ins Schwarze. Ionescu schaffte es
wenige Tage vorher, beim 3:2 Sieg über Arsenal London.
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Die Prognose Michel Pfeiffers schien sich von Beginn der
Saison an zu bestätigen. Die Spiele, vor allem der erste gegen die Max Merkel trainierten
Nürnberger, waren ihr Geld wert. In Nürnberg gelang der Alemannia zum Start ein 4:1
Sieg. Es folgte gegen Eintracht Frankfurt ein 4:2 auf dem Tivoli. In diesem Spiel machten
sich die neuen Spieler erstmals so richtig bezahlt. Präsident Leo Führen frohlockte:
"Das kann eine ganz gute Saison für uns werden." Sie wurde es. Zur Halbzeit
reichte es für den zehnten Platz. 16 Punkte hatte die Alemannia in der Hinrunde
geschafft. Die Rückrunde begann wieder verheißungsvoll. Diesmal wurde der Auswärtssieg
in Frankfurt gefeiert (1:0), der Heimsieg gegen Nürnberg (4:2) unter Dach und Fach
gebracht.
Riesenjubel: Vizemeister ! So schwärmten nicht nur die
Spieler, Mitglieder und Anhänger der Alemannia. "Es stärkt unser Selbstvertrauen
für die Zukunft," frohlockte Leo Führen. Was war geschehen? Die Mannschaft war zum
letzten Spiel nach Berlin gereist, mit der Hoffnung, vielleicht doch noch einen Platz
unter den ersten drei Mannschaften der Meisterschaft zu ergattern. Als Meister stand
Bayern München schon seit mehreren Spieltagen fest. Es ging um die Entscheidung zwischen
den Vereinen Aachen, Mönchengladbach und Braunschweig. Alle drei Mannschaften hatten vor
dem Samstag, dem 7.6.1969, gleiche Chancen. Die Ausgangsposition war gleich schwierig,
obwohl die Alemannia es dann doch am schwersten hatte. Sie mußte auswärts in Berlin
antreten. Bei Hertha BSC hingen die Trauben hoch, so mußten die Favoriten der Saison alle
feststellen. Selbst Bayern München, der zukünftige Meister, war in Berlin unterlegen.
Die Hoffnungen der Alemannia waren daher nicht sehr groß. Doch dann kam der belgische
Neueinkauf Roger Claessen. In der 25. Minute besorgte er im Berliner Olympiastadion
das Führungstor zum 1:0 für die Alemannia. Der Gast führte, das hatte man in
Berlin nicht oft erlebt. Es zeigte sich, daß Trainer Pfeiffer die Mannschaft der Hertha
mit Erfolg mehrmals unter die Lupe genommen hatte. Er verordnete nach dem Führungstor
absolute Defensive. Die Taktik Pfeiffers ging auf, und neunzi Minuten harten Kampfes lagen
sich die Aachener Spieler jubelnd in den Armen. Die Vizemeisterschaft war geschafft. Mit
38:30 Punkten war das Rennen gewonnen. "Das ist das schönste Abschiedsgeschenk, das
mir die Mannschaft machen konnte", freute sich Pfeiffer und übergab seinem
Nachfolger Georg Stollenwerk die "Meistermannschaft." 15000 Mark Prämie gab es
für diesen Titel - Lohn für entgangene Pokalträume, denn im Pokal war man schon in der
zweiten Runde ausgeschieden.
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Doch Michel Pfeiffer warnte auch schon damals: "Der
erreichte zweite Platz ist keine Vorgabe für die Zukunft." Das Beispiel des 1.FC
Nürnberg, der Meister wurde und in der darauffolgenden Saison abstieg schwebte drohend
vor Augen. Daran dachte man in Aachen nicht, als die Alemannia im Triumphzug durch die
Stadt geleitet wurde zum Empfang im Rathaus. Der Fußballhimmel hing voller Geigen. Die
Glückwünsche nahmen kein Ende. Der DFB gratulierte mit einer Silberschale. Eine neue
Finanzierungsquelle wurde aufgetan: Die Mitgliedschaft auf Lebenszeit. 1000 Mark kostete
der Beitrag. Die einmalige Leistung sollte zum weiteren Ausbau des Tivoli-Stadions dienen.
21 Mitglieder griffen ins Portemonnaie und zahlten den Obolus. Kein Ding war in diesen
Tagen unmöglich.
Bild 1: Der deutsche Vizemeister:
Alemannia beendet die Saison 1968/69 auf Platz 2 in der Tabelle. Hier das Spielerkader
dieser erfolgreichen Saison. Obere Reihe, von links: Obmann Honnef, Schöngen, Ionescu,
Pawellek, Hermandung, Hoffmann, Walter, Claessen, Liebhaber, Sell, Trainer Pfeiffer.
Mittlere Reihe: Bechmann, Krott, Klostermann, Nievelstein, Tenbruck, Gronen, Thelen,
Pöhler, Kapellmann. Vorne: Prokop, Schors, Scholz. Es fehlen auf diesem Bild Martinelli
und Habich. (Foto: Pfeil)
Bild 2: Jubel um den Deutschen
Vizemeister: Auf der Rathaustreppe lassen sich Ion Ionescu und Michel Pfeiffer von den
begeisterten Anhängern feiern.
Bild 3: Stars in den Startlöchern:
Roger Claessen (links) und Ion Ionescu. 1968 für viel Geld angeheuert und zwei Jahre
später mit der Alemannia abgestiegen.
Bild 4: Jubel um das
"Jüppchen": Nach der Rückkehr aus Berlin am 8. Juni 1969 feierte man die
Fußballer wie die Könige. Hier ist gerade Jup Kapellmann aus dem Bus gestiegen. (Foto:
Kistermann)
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